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Geschichte ist langweilig? Von wegen! In Erding geht’s auf spannende Zeitreise

Heute wollen wir euch mitnehmen auf eine Reise in längst vergangene Jahrhunderte. Und dazu braucht’s nicht mal eine Zeitmaschine. Setzt euch einfach in die S2, fahrt bis zur Endstation und schon seid ihr da – in Erding, der altbayerischen Herzogstadt, die Herzog Ludwig von Bayern um 1228 herum gründete und die fantastische Entdecker-Museen, schöne alte Bürgerhäuser und interessante Traditionen hat. Dann erfahrt ihr zum Beispiel, wie der Schrannenplatz zu seinem Namen kam und warum sich die Erdinger früher nackt auf den Weg ins Badhaus machten … Also – auf geht’s!

Von Loden, Glocken und anderem „Werthvollen“

Habt ihr schon mal was von Loden gehört? Oder von Loderern? Nein? Das Erdinger Museum hat die Geschichten dazu. Keine fünf Minuten sind es vom Bahnhof auf der Geheimrat-Irl-Straße dorthin. Dort erfahrt ihr, dass es sich bei Loden um einen gewebten und gewalkten Stoff aus Schafwolle handelt, der robust und winddicht ist. Der langlebige Stoff, sehr geschätzt u.a. von Hirten und Kutschern, wurde von sogenannten Loderern ziemlich aufwändig hergestellt. Die Erdinger waren Meister darin und konnten ihre Gewebe sogar nach Italien und Istanbul verkaufen. Zu den Museums-Glanzstücken gehört ein Wollwebstuhl des letzten Erdinger Lodermeisters Rupert Müller, der 1928 starb. Das Stadtmuseum gibt’s übrigens schon seit 1856. Ein Kaufmann hatte „manch schöne und werthvolle Gegenstände“ zusammengetragen. Schaut euch einfach um oder erkundet in der Sonderausstellung „OHNE WORTE – Schönes, Skurriles, Rätselhaftes“ an 30 Stationen Kunst und Kurioses – hier gibt’s auch was auf die Ohrwaschln, ins Näschen und zum Tasten in die Händ. Und das Beste ist: der Eintritt ist frei.

Museum Erding

Die Tierwelt auf Leinwand

Wollt ihr einen der berühmtesten Söhne von Erding kennenlernen? Dann lauft vom Museum zur Landshuter Straße und dort nach rechts zur Hausnummer 31. Hier wurde Franz Xaver Stahl (1901–1977) geboren, hier lebte und arbeitete der Künstler, der sich mit Tiermalerei einen Namen machte. Die lebensechten Darstellungen von Pferden, Ochsen, Eseln und Hühnern ließen sich damals bestens verkaufen. Sein erstes Geld allerdings verdiente sich der junge Stahl mit Scherenschnitten, die zu jener Zeit „in“ waren und gesammelt wurden. Das Biedermeierhaus von 1840 mit Stahls Kunstwerken, seinem Atelier und den privaten Zimmern soll für alle offen sein, hatte die Witwe des Malers einst verfügt, und so könnt ihr heute durch die Räume streifen und sehen, wie Stahl die Tiere sah. Erst im April 2026 öffnete das Künstlerhaus direkt am Museum. Der moderne Bau mit Depot und Veranstaltungssaal bietet wechselnde Ausstellungen und gibt den Blick frei in den großen Künstlergarten. Auch hier kommt ihr kostenlos rein.

Museum Franz Xaver Stahl und Künstlerhaus am Stahlmuseum

Hoch hinauf auf den Stadtturm

Knappe 500 Meter sind es vom Künstlerhaus auf der Landshuter Straße zum Schrannenplatz. Dieser Platz ist ein schöner – so mit leuchtend roter Schrannenhalle von 1866, heute Domizil der Tourist-Info und eines Restaurants, Ährenbrunnen, Rathaus und schmucken Bürgerhäusern. Und natürlich mit dem stolzen Stadtturm. Er ist das älteste und mit exakt 51,80 Metern das höchste Gebäude Erdings. Der Stadtturm stand – eher untypisch für Bayern – einst frei. Neun Geschosse hat der Turm. Hier zogen auch die zentnerschweren Kirchenglocken ein. Denn keine fünf Meter weiter steht die Stadtpfarrkirche St. Johannes Baptist von 1464. Der Turm war also Wachturm und Glockenturm zugleich. 

Ganz oben wohnte der Turmwächter. Er warnte die Leute vor nahenden Feinden und vor Feuersbrünsten in der Stadt. Der Job hier oben war lebenswichtig, das Leben aber eher bescheiden so ohne fließendes Wasser und Klo. Noch bis 1965 war der Turm übrigens bewohnt. Jetzt noch einmal tief durchatmen und los geht’s mit Türmerin Doris Bauer die 163 Stufen hoch in die einstige Türmerwohnung. Glück muss man schon haben, um bei diesen öffentlichen Führungen zu den nur zehn Leuten zu gehören, die aus Sicherheitsgründen hoch können. Einfacher geht’s, wenn ihr privat eine Führung bucht. Von hier oben habt ihr einen Wahnsinns-Blick und erfahrt allerhand Skurriles. Zum Beispiel über die Turmschiebung. Einst sollen Bürger nämlich versucht haben, den Turm an die benachbarte Kirche zu schieben, damit diese endlich ihren Glockenturm bekäme … Oder über die letzte Türmerfamilie, die zu fünft in der kleinen Wohnung lebte.

Stadtturm Erding

Guads von Bayern bis Südtirol

Hungrig nach dem Turm-Aufstieg? Da haben wir einen guten Tipp: Im gemütlich-modernen „Gasthof zur Post“ gibt’s eine kulinarische Reise durch Bayern, dem Alpenraum bis nach Südtirol. Wie wäre es mit dem Knödeltrio, mit Käsespätzle oder Südtiroler Speckplatte? Hier könnt ihr sogar euer eigenes Schnitzel zusammenstellen, also euer Lieblingsfleisch mit der Lieblingspanade, dazu Wahl-Beilage und Soße – quasi Schnitzel im Baukasten-System. Vegetarisch geht übrigens auch. Der Gasthof hat eine lange Tradition – womit wir wieder bei Geschichte(n) wären. Bereits 1692 errichtet, ist das Haus heute ein geschütztes Baudenkmal. Ab 1843 kam zur Brauerei auch eine Poststation mit Ställen für die Pferde der Postkutschen, daher der Name. Und weil die drei Kinder der vermögenden Wirtsleute Fischer bereits im Kindesalter starben, gründete das Paar eine wohltätige Stiftung für Arme, das heutige Fischer’s Seniorenzentrum. Es gibt da auch noch eine besondere Verfügung im Testament – das könnt ihr alles im Gasthof nachlesen.

Gasthof zur Post Erding

Dem Bauern unters Bett geschaut …

Mit neuer Lust und Laune geht’s nun zur letzten Station unserer Zeitreise, vorausgesetzt, ihr seid am Wochenende unterwegs – ins Bauernhausmuseum des Landkreises Erding. Der Weg führt über die Landshuter Straße, Dorfener Straße, Schollbacher Weg und Taufkirchener Straße zu dieser kleinen, feinen Anlage mit 15 historischen Gebäuden. Sie wurden aus dem Landkreis zusammengetragen, sprich: mühevoll abgetragen und hier wieder aufgebaut. Was gibt´s nicht alles zu entdecken: eine Blockstube von 1627, die Schmiede, eine Hütte zum Trocknen des gestochenen Torfs oder die Kegelbahn von 1886. Das alte Wohnstallhaus zeigt das bäuerliche Leben von 1930. Schaut‘s einfach mal beim Bauern ins Schlafzimmer! Oder in die Küch. Der Backofen steht übrigens draußen. Fallen euch beim Getreidekasten die tollen Schnitzereien auf, der Vogel mit der Schlange etwa? Solche Zauber-Symbole sollten einst alles Böse vom Haus abwehren … Nach dem Rundgang könnt ihr im Café mit Biergarten bayerische Schmankerln, Kuchen, Brotzeit und natürlich süffige Biere vom Erdinger bestellen – ihr seid ja mit der S-Bahn da. Jeden Freitag ist übrigens Bauernmarkt. Auch für Kids ist ein Besuch spannend, denn zur Historie gesellt sich Moderne: Eine digitale Schnitzeljagd mit Geschichten und Rätseln führt durch das zwei Hektar große Gelände. Und wenn die kleinen Beine dann zu müde sind für den gut einen Kilometer langen Rückweg zum S-Bahnhof – es fahren auch Busse von der Haltestelle Freilichtmuseum.

Bauernhausmuseum des Landkreises Erding

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